

SUPERHELDENFANTASIEN null41 Kulturmagazin
Literatur zu feministischen Themen füllt ganze Bibliotheken. Wo aber steht heute die Männerforschung? Der Literaturwissenschaftler Christoph May erforscht die Vorstellungen, die heute mit Männlichkeit in Verbindung stehen, und wie sie sich zeitgemäss verändern müssen.
Interview: Gina Bucher Essais Agités für null41 Kulturmagazin Dezember 2025
GB: Als ich in meinem Umfeld Fragen für dieses Gespräch sammelte, stellte ich fest: Männer zögern zuerst einmal, wissen nicht auf Anhieb, was sie fragen könnten. Frauen dagegen sprudeln mit Fragen an «die Männlichkeit». Wie erklärst du dir das?
CM: Das erzählt vor allem davon, wie privilegiert Männer sind. Männern ist nicht klar, dass sie direkt an der Ziellinie ins Leben starten. Ihr grösstes Privileg sind die Männerbünde: Berufsnetzwerke, die Männer viel weiter als Frauen bringen. Ein weiteres Privileg ist die unbezahlte Arbeit von Frauen. Das ist das Fundament, auf dem Männer ihre Karrieren aufbauen und dann ernsthaft glauben, sie hätten das alles aus eigener Kraft geschafft. Den meisten Männern ist nicht bewusst, welch fatale Konsequenzen diese Abhängigkeit für Frauen hat. Auch wenn wir in unseren Workshops nach männlichen Privilegien fragen, bekommen wir nur wenige Antworten. Für viele Männer sind sie unsichtbar. Weil wir jeden Tag davon profitieren, weil wir das nie hinterfragen müssen.
GB: Du sagst: Patriarchatskritik ist immer auch Demokratiearbeit. Inwiefern haben konservative Männlichkeitsvorstellungen mit den aktuellen Krisen der Welt zu tun?
CM: Neoliberale Wirtschaftspolitik befördert eine männlich dominierte Wirtschaftsordnung. Patriarchat und Kapitalismus lassen sich daher nicht getrennt voneinander denken. Ebenso gehören Rassismus und Männlichkeit zusammen. Und wir müssen über Faschismus und Männlichkeit sprechen. Rechte und konservative Männlichkeiten sind die grösste Bedrohung für Europa und für die gesamte Welt. Wir haben ein globales Männlichkeitsproblem. Wer das immer noch nicht begriffen hat, ist Teil des Problems.
GB: An den Literaturtagen in Solothurn sagte die österreichische Autorin Marlene Streeruwitz zum aktuellen Backlash sinngemäss: Um die Emanzipation der Männer können wir Frauen uns nicht auch noch kümmern. Jetzt sind die Männer dran.
CM: Klar, es ist an den Männern, endlich Verantwortung für männliche Macht- und Gewaltkulturen zu übernehmen. So aber funktioniert patriarchale, strukturelle Gewalt: nicht wollen, nicht teilnehmen, einfach unreflektiert männlich-traditionelle Bilder reproduzieren.
GB: Was verstehst du unter kritischer Männerforschung?
CM: Kritische Männerforschung kommt aus der akademischen Geschlechterforschung. Vorangetrieben wird sie hauptsächlich von Frauen und queeren Menschen. Für mich persönlich bedeutet kritische Männlichkeit vor allem: hart durchzählen. Das ist ein sehr wirksames Instrument. Darüber kann man mit Männern gut ins Gespräch kommen. Wie viele Männer sitzen in welchen Positionen? Den meisten ist unterdessen bekannt, dass in männlich dominierten Umgebungen toxische Verhaltensweisen entstehen, die Gift sind für Geschlechtervielfalt und für soziale Beziehungen.
GB: Was passiert in den Praxisseminaren, die Ihr anbietet?
CM: Wir arbeiten nur mit gemischten Runden. Meiner Meinung nach brauchen Männer keinen extra Safe Space. Die ganze Welt ist ein Safe Space für Männer. Es ist wichtig, dass FLINTA*-Personen dabei sind. Am besten bringen die Männer sie gleich selbst mit. Die meisten wollen zuerst einmal wissen, wie so ein feministischer Mann eigentlich aussieht, wie der redet. Sobald sie merken, dass ich selbst einfach ein Mann bin wie sie auch, entspannen sie sich.
Als Moderator achte ich darauf, dass die Männer den Raum nicht dominieren. Männer bekommen anderthalb Minuten Redezeit. Frauen und queere Menschen können so lange reden, wie sie wollen. So entsteht automatisch eine interessante Machtumkehr: Männer erfahren, wie es FLINTA*-Personen oft ergeht. Und ich achte darauf, dass die Männer die Lösung liefern. Etwa wenn FLINTA*-Personen bei der Feuerwehr bemängeln, dass es nur Umkleideräume für Männer gibt. Frauen und queere Menschen sollten emotionale Veränderungsarbeit nicht übernehmen müssen.
GB: Nicht alle Männer werden sich durch das Stereotyp, das du skizzierst, angesprochen fühlen. Wie reagieren die Teilnehmenden?
CM: Wie die Teilnehmenden reagieren, hängt vom Grad ihrer Awareness ab. Natürlich kann ich mit linken Gruppen viel
differenzierter und tiefer in die Themen einsteigen als mit Menschen, die hier noch am Anfang stehen. Alle Geschlechter sind eingeladen, wir wollen vor allem aber männlich sozialisierte Personen erreichen. Das gelingt uns mittlerweile ziemlich gut. Dass männlich gelesene Personen dabei in die Abwehr gehen, liegt in der Natur der Sache. Es ist auch gar nicht das Ziel, das zu vermeiden: Ja, es geht um Kritik an Männlichkeiten.
Im Unternehmenskontext geschieht es oft, dass Teilnehmer sagen: Jetzt haben wir genügend geredet, gib uns mal zehn Punkte, was wir tun können. Doch das ist eine Lebensaufgabe, kein Zehn-Punkte-Plan. In Aktion zu gehen, statt darüber zu reden, ist eine klassische Abwehrstrategie. Eine typisch männliche. Passiert mir selbst auch oft in Beziehungsgesprächen. Wir haben alle nicht gelernt, selbstkritisch zu sein und konstruktiv auf Kritik zu reagieren.
GB: Wie vermittelst du Männern feministische Anliegen?
CM: Die beste Strategie ist, Männer da abzuholen, wo sie sich am besten auskennen. Nicht alle Männer interessieren sich für Fussball, Muskeln, Autos, aber halt viele. Von da versuche ich zu Männerfantasien zu kommen und von da zu Superhelden. Wir werden über die Geschichten, mit denen wir aufwachsen, sozialisiert. Und viele Männer sind nicht mit Geschichten aufgewachsen, in denen Männer Konflikte im Gespräch lösen. Sondern mit solchen, in denen es um Gewalt und Krieg geht, weil Männer bei Konflikten oft in den Kampf und in die Abwehr gehen. Durch Gespräche über männliche Körperpanzer, Muskeln, starre Bewegungen und wortkarge Typen in Film, Literatur, Musik oder auch Games ist es einfacher, Körperbilder und Rollenmodelle anzusprechen.
GB: Was ist das Problem mit den Superhelden?
CM: Superheldenfantasien verhandeln im Kern männliche Überlegenheit. Sie entspringen Drehbüchern von Männern. Männer wollen ständig die Welt retten. In den Workshops reden wir über den Male-Savior-Komplex und warum es da draussen keine Frau gibt, die nicht schon mal ungefragt von einem Mann gerettet worden ist. Warum eine männlich dominierte Filmindustrie keine Diversität hervorbringen kann und damit auch keine komplexen oder emotionalen Erzählungen.
GB: Viele Männer scheinen beim Thema Feminismus Angst davor zu haben, ihren sozialen Status zu verlieren. Woher rühren diese Ängste?
CM: Wir bekommen oft von Gleichstellungsbeauftragten zu hören, dass sie die Männer nicht verschrecken, nicht überfordern wollen. Dass wir den Männern bitte erst mal zeigen sollen, was sie alles gewinnen können. Die Regisseurin Katharina Mückstein hat dazu mal gesagt: «Was Männer im Feminismus gewinnen können, darf keine Frage sein. Ich frage ja in einem rassismuskritischen Seminar auch nicht, was ich als weisser Mensch davon habe, mich mit Rassismus auseinanderzusetzen.» Solche Abwehrhaltungen zu erkennen und so darauf zu reagieren, dass die Männer nicht beleidigt sind, das ist eine grosse Herausforderung. Der Abwehrkatalog ist sehr vielfältig.
GB: Welche Beispiele kennst du noch?
CM: Sehr populär sind Not-All-Men-Argumente: Ja, aber doch nicht alle Männer. Sie kommen in verschiedenen Formen daher. Oft erklären uns zum Beispiel Männer stolz, dass sie in reinen Frauenhaushalten aufgewachsen sind. Sie glauben, das zertifiziere sie für feministische Anliegen. Dann muss ich daran erinnern, dass wir über kritische Männlichkeit sprechen und nicht über Frauen oder queere Menschen. Viele Männer stehlen sich in solchen Diskussionen gern aus der Verantwortung. Ein Klassiker ist auch, dass ich nach toxischer Weiblichkeit oder Matriarchatsforschung gefragt werde.
Und sehr beliebt ist der leicht passiv-aggressive Mix aus Mansplaining und Not-All-Men-Argumenten, gerade von jüngeren oder linken Männern, die fragen: Wie erreicht ihr denn die Männer, die es wirklich betrifft? Als ob sie nicht auch Teil des Problems wären. Dass nämlich zu viele Männer in Machtpositionen sitzen. Oder sie drehen das Narrativ einer Debatte um: Die sogenannte Male-Loneliness-Epidemic ist dafür ein gutes Beispiel. Obwohl die Zahlen zeigen, dass Frauen häufiger unter Einsamkeit leiden, sind wir gefordert, uns mit den Befindlichkeiten von Männern auseinanderzusetzen. Doch damit lenken sie das Gespräch wieder auf sich und die Debatte wird antifeministisch.
GB: Wie kann man solchen Abwehrhaltungen begegnen?
CM: Ich versuche, sie in Kontext zu setzen und nach den Strukturen zu fragen. Denn, klar, die Strukturen sind das Problem. Doch dafür sind auch wir als Individuen verantwortlich. Männern muss man immer wieder sagen, dass sie in einem patriarchalen System schlimmstenfalls Nachteile erleben, aber ganz sicher keine Diskriminierung. Viele Männer glauben, wir hätten schon faktische Gleichstellung erreicht, es gäbe für sie nichts mehr zu tun. Wenn einer sagt, zeig mir doch mal ein Gesetz, wo Frauen und Männer nicht gleichberechtigt sind, dann erzählt das vor allem von einem kompletten Unverständnis für strukturelle Gewalt. Sie haben kein Verständnis dafür, wie männlich dominiert die Gesellschaft in Wahrheit noch immer ist. Kein Verständnis dafür, dass sie täglich davon profitieren.
Wenn man die Zahlen dazu nennt, dann wird den Männern ziemlich schnell klar, dass Gleichstellung bislang nur auf dem Papier existiert. Es mag ein paar junge Väter unter uns geben, die das besser machen. Aber die Zahlen spiegeln das noch nicht wider. Das wird sich erst ändern, wenn unsere Kinder mit Vätern aufwachsen, die sich nicht nur die Fingernägel anmalen, sondern auch zu 100 Prozent die Haus- und Sorgearbeit schmeissen und die Karriere ihrer Partner:innen unterstützen. Väter, die mit weiblichen und queeren Freund:innen auf Augenhöhe reden – und zwar ganz selbstverständlich –, ohne diese zu sexualisieren.
GB: Wie können sich Männer überhaupt glaubwürdig gegen Machtmissbrauch engagieren, während sie gleichzeitig von diesem System profitieren?
CM: Auch wenn du als Mann im Grossen Gleichstellung gut findest, muss dir klar sein, dass du das Patriarchat im Kleinen reproduzierst, solange du dich hauptsächlich mit Männern umgibst – beim Sport, in der Kneipe, in den Medien, die du konsumierst. Mach dir klar, wie männlich dominiert deine Umgebung ist, geh raus aus deinen männlichen Monokulturen. Wirksam ist nur schon, seinen Medienkonsum umzustellen. Und es genügt nicht, dass man von Mental Load schon einmal gehört hat. Merk dir die Konfektionsgrössen deiner Kinder, merk dir, was im Kühlschrank steht – kümmere dich selbst darum, wo was hinkommt.
Such dir weibliche und queere Freund:innen und Kolleg:innen, mach
das zum Thema in deinem Unternehmen. Zeig mir deutlich, dass dir bewusst ist, wie du davon profitierst. Wenn
sich ein weisser cis Mann seiner Privilegien bewusst ist und wie er davon profitiert, dann ist schon einmal ein
grosser Schritt getan. Zunehmend mehr Männer haben das auf dem Schirm.
GB: Warum sprechen viele Männer ungern über Gefühle?
CM: Männer wollen sehr wohl über ihre Gefühle sprechen, aber nicht über patriarchale Strukturen. Das hat Birgit Sauer, eine unterdessen emeritierte Professorin aus Wien, schon 2011 in ihrem Essay «Restrukturierung von Männlichkeit» vorausgesagt. Bei Gesprächen über Gefühle ist oft wieder der Blick auf den Mann als solchen und nicht auf die patriarchale Gesellschaft gerichtet. Und das passiert auch in unseren Seminaren. Über das Patriarchat reden Männer
ungern. Weil sie davon profitieren – und auch, weil wir nicht damit konfrontiert sind. Wir müssen nicht darüber nachdenken.
GB: Was haben Gefühle und Patriarchat miteinander zu tun?
CM: Die meisten Männer haben keine ausdifferenzierte Gefühlssprache. Wer für Gefühle keine Worte hat, geht in die Abwehr. Das ist typisch. Wenn ich merke, dass Männer über Gefühle sprechen wollen, es ihnen aber gleichzeitig schwerfällt, das Wort Patriarchat oder Feminismus überhaupt in den Mund zu nehmen, dann ist das Abwehr. Das sieht man auch im aktuellen Therapiediskurs: dass Männlichkeit geheilt werden muss oder therapiert. Das finde ich sehr gefährlich. Männlichkeit muss nicht geheilt werden. Männlichkeit ist keine Krankheit. Männlichkeit wird sozial konstruiert. Und nein, wir werden das Patriarchat ganz sicher nicht auflösen, indem Männer jetzt lernen, über Gefühle zu sprechen. Das ist nicht unwichtig. Aber das ist nicht der Weg. Denn was die meisten Männer machen, ist ja, dass sie
unbewusst die komplette Arbeit erst mal ihrer Partnerin aufbürden.
GB: Eltern fragen sich oft, wie sie ihre Söhne dazu erziehen können, dass sie stolz auf ihre Männlichkeit sind, ohne toxisch zu sein.
CM: Das ist ein komisches Konzept. Ich bin nicht stolz auf meine Identität. Aber offensichtlich spielt das für viele Männer eine Rolle. Ich persönlich messe Männer zuerst einmal daran, wie integer sie über ihre Gefühle sprechen können. Vor allem aber, ob sie weibliche und queere Lebensrealitäten unterstützen und ob sie nicht nur mit Männern unterwegs sind. Alles andere ist nur Gerede. Das ist wohl das Top-Skill der Spätmoderne: Ambivalenzen auszuhalten.
Das misogyne Moment ist ja, dass die meisten Jungs, Eltern, Väter gar nicht erst auf die Idee kommen, sich nach weiblichen und queeren Vorbildern umzusehen. Dabei sind sie überall. Wenn du als Elternteil etwas ändern willst, dann zeige deinen Kindern, was möglich ist. Biete etwas anderes an. Die meisten Männer wachsen in patriarchale Verhältnisse rein und reproduzieren das ganz automatisch. Es geht darum, das zu verlernen. Heutzutage kann Männlichkeit alles sein, was Männer sich vorstellen können. Wenn sie sich getrauen.
Gina Bucher ist freie Autorin und Dozentin an der F+F Schule für Kunst und Design sowie Schreibtrainerin am Jungen Literaturlabor in Zürich. Zuletzt ist ihr Roman «Schattengänger» (Edition Bücherlese, 2025) erschienen.
Das null41 Kulturmagazin feierte im Sommer 2025 sein 400. Jubiläum, was bedeutet, dass es zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre alt war, herausgegeben von der IG Kultur Luzern. Es ist ein etabliertes Magazin für unabhängigen Kulturjournalismus aus der Zentralschweiz.
Essais Agités – Wie jedes Jahr geben wir auch diese Dezember-Ausgabe aus der Hand – diesmal an die Redaktor:innen Gina Bucher, Beat Mazenauer und Bettina Wohlfender. In ihrer Reihe «essais agités», die es seit 2018 gibt und die vom Verlag Der gesunde Menschenversand vertrieben wird, widmen sich verschiedene Autor:innen aktuellen Diskursen und Fragen der Zeit.



