

Sollten wir Männlichkeit abschaffen? Rolling Stone
Die Männlichkeit gerät unter Beschuss. Was bedeutet es heute, ein Mann zu sein? Ein Selbstversuch.
Von Aron Boks @aronboks
Montag 23. März 2026 | Ausgabe 377
AUSZUG „Ich weiß nicht, was es ist, aber sobald der Begriff „performative male“ fällt, sehe ich es nicht abstrahiert von mir als Phänomen, sondern als direkten Angriff auf mich.
„Klassisches P+P-Syndrom“, erklärt mir Christoph bei einem Zoom-Call. Ein Abwehrmechanismus von Männern, wenn ihnen der Feminismus zu nahe kommt. „Persönlich nehmen und pauschalisieren.“ Christoph May wurde 1979 in Cottbus geboren, hat Literaturwissenschaft studiert, war lange Zeit in der Graffiti-Szene und ist vom Berghain und der sehr maskulinen Popliteratur der 90er-Jahre geprägt. Seit 2016 leitet er zusammen mit seiner Partnerin Marie Louise May das Detox Masculinity Institute, das Institut für Kritische Männlichkeitsforschung, hält Vorträge, gibt Workshops und Seminare für Gruppen, Unternehmen und Konzerne, die ihre männlich dominierten Strukturen aufbrechen wollen.
Oft sieht er seine Rolle darin, den Teilnehmenden erst einmal zu zeigen, wie so ein feministischer Mann überhaupt aussehen könnte, da viele wohl ein verzerrtes Bild davon haben. Auch vor meinem inneren Auge hatte sich, als ich das Institut für kritische Männlichkeitsforschung angeschrieben habe, das Bild eines Typen mit raspelkurzen Haaren, Septum und Nagellack geformt.
Christoph hingegen trägt eine Matrosenmütze, einen schwarzen Technopulli und redet nicht wie in einem Achtsamkeitsseminar, sondern mit einem leicht atzigen Brandenburger Dialekt. Er wirkt mehr wie eine Mischung aus Bewährungshelfer und engagiertem Fußballtrainer, spricht aber über Sexismus, toxische Verhaltensweisen und einen jungen Mann, dem er vor Kurzem ein Einzelseminar zum Thema Männlichkeit gegeben hat.
Er war Azubi bei einem größeren Unternehmen und war durch sexistisches und frauenfeindliches Verhalten aufgefallen. Nun hatte er die Wahl: Kündigung oder Teilnahme an Christophs Seminar. Solche Anfragen bekommt Christoph jetzt immer öfter von Unternehmen, die ihn buchen, damit er mit den Mitarbeitern Männlichkeitsseminare macht. „Hast du das Gefühl, dass die was bringen?“, frage ich. Er überlegt. „Da bin ich mir ehrlich gesagt noch nicht so sicher“, sagt er. „Es kann sein, dass der Typ so etwas noch mal macht.“
Er könne nicht für das weitere Verhalten der Männer garantieren, sie aber über die Basics von patriarchalen Verhältnissen aufklären, um mit ihnen später über sexistische Verhaltensweisen zu sprechen.
Männlichkeits-Detox
Christoph hatte mit dem Azubi – ähnlich wie Anıl mit seinen Schulkassen– im ersten Schritt über Fußball, „Game Of Thrones“, „Star Wars“ und männliche Vorbilder gesprochen und über die Männergruppen, in denen der Azubi sozialisiert worden ist. Im zweiten Schritt spricht Christoph dann meist über Filme und Musik, die von Frauen produziert wurden und feministische und/oder queerfeministische Inhalte vermitteln.
Auf seiner Website finden sich dazu Empfehlungen „zum Detoxen“. Zum Beispiel der jüngst erschienene Psychothriller „Bugonia“, der von Emma Stone produziert wurde, die auch die Hauptrolle einer erfolgreichen Managerin spielt, die als ausgemachtes Alien von zwei Verschwörungstheoretikern gefangen gehalten wird. In den Musikplaylists von Detox Masculinity finden sich Songs wie „Won’t You Be My Neighbor?“ von Lady Gaga, „La Perla“ von Rosalía oder „Bare Minimum“ von Blond. Da heißt es etwa:
Ich setz mich hin beim Pissen
Tosender Applaus
Bring mein Kind zur Kita
Und die Leute rasten aus
Ich stell mein Geschirr
Schon mal in die Spüle rein
Wie kann man nur so ein
Feminist Icon sein?
Der eigene Medienkonsum wird nämlich schneller als gedacht in eine richtige Männerrunde gezogen. Durch Streamingdienste und ihre Algorithmen bekommen Jungs, die nur Deutschrap hören, weiterhin nur das zu hören, was so ähnlich klingt. Und auch Männer, die sich vielleicht als progressiv verstehen, aber kaum etwas anderes als Männerbands hören, bleiben in der medialen Männerumkleide. Daran etwas zu ändern kann also eine ganz neue Unterhaltungswelt bedeuten.
Es geht nicht (nur) um Gefühle, sondern um Strukturen
Nach dieser Vorarbeit geht es dann in Christophs Kursen ans Eingemachte: Was können die Teilnehmer tun, um sich in Zukunft anders zu verhalten?
Christoph achtet in seinen Seminaren immer darauf, dass Männer nicht zu schnell auf die Gefühlsebene wechseln. Er erklärt ihnen, kein Psychologe und kein Sozialtherapeut zu sein. „Ich sag denen, dass ich nicht allzu tief gehen werde“, sagt er, und dass er sofort wieder auf die wissenschaftliche Faktenebene wechselt, wenn er merkt, dass seine Gruppe es nicht einmal schafft, die Wörter „Patriarchat“ oder „Feminismus“ in den Mund zu nehmen. „Wenn die nämlich über Gefühle, aber nicht über Strukturen reden wollen, ist das ein ganz neuer, mächtiger Abwehrmechanismus von Männern.“
Also hier ein paar Fakten für die männlichen Leser: Die unbezahlte Arbeit von Frauen in Deutschland liegt bei 826 Milliarden Euro pro Jahr – das Fundament, auf dem Männer ihre Karrieren aufbauen und laut Christoph dabei glauben würden, das alles aus eigenem Antrieb zu schaffen. Christoph präsentiert diese Zahlen direkt zum Anfang seiner Seminare und zitiert eine Studie des DBG, der zufolge 53 Prozent aller Frauen derzeit nicht von ihrem Einkommen leben können; wenn sie alleinerziehend sind und ein Kind haben, sind es 70 Prozent.
Privilegien verhindern Entwicklung
Im Grunde gehe es Christoph um Wissenschaftskommunikation und um die Frage, wie man diesen High-Level-Feminismusdiskurs in einer Sprache sprechen kann, dass Männer, die sich bisher gar nicht damit befasst haben und sich vermutlich mit angelernten Abwehrmechanismen panzern, ihn verstehen können. Vermutlich braucht es da tatsächlich diese sehr männlich konnotierte Faktenebene und eine etwas härtere Sprache, um gegen die ohnehin verhärteten patriarchalen Vorstellungen von Männlichkeit anzukommen. Die sollen laut einer Studie des „Journal of Psychology“ aus dem Jahr 2013 sogar Auswirkungen auf das Gehirn haben: Der Besitz von Privilegien halte Männer, vereinfacht gesagt, davon ab, sich weiterzuentwickeln.
[…]
Während Sontag schreibt, dass Frauen nicht auf Männer achten sollten, sondern sich stattdessen darauf konzentrieren müssten, sich selbst zu befreien, findet Christoph, dass es Aufgabe der Männer sei, die eigene Position zu reflektieren und zu hinterfragen. Das bedeutet natürlich auch, Macht abzugeben. Aber wie bekommt man Männer dazu, da mitzumachen?
Christoph argumentiert natürlich mit Fakten. Man müsse Männern erklären, dass Schlüsselqualifikationen wie Emotionalität und Care-Arbeit im Ranking immer wichtiger werden, während es unwichtiger wird, sich einen Körperpanzer zuzulegen. „Und da kriegst du Männer natürlich, wenn du ihnen sagst: ‚Hey, wenn ihr das Alpha-Ding fahrt, dann werdet ihr keinen Erfolg mehr haben.‘“

