

„Das große Schweigen unter Männern muss ein Ende haben“ Freie Presse Sachsen
Dresden. Männlichkeitsforscher Christoph May erklärt, warum das Männerbild zum Politikum geworden ist, was hinter inszenierter Männlichkeit wirklich steckt und warum sich manche Männer von Gleichberechtigung bedroht fühlen.
Interview von Patrick Schneider | Ratgeber Gesundheit 30. Juli 2026 | 12:12 Uhr
Herr May, ganz nach dem Grönemeyer-Song „Männer“: Wann ist ein Mann eigentlich ein Mann?
Männlich ist für mich ein Mann, der traditionelle Rollenbilder hinterfragt und sich davon löst. Der weibliche und queere Freundeskreise hat, offen mit seiner Geschlechtsidentität und Sexualität umgeht und sich für Frauen und queere Menschen einsetzt. Ein Mann, der Filme und Serien schaut, die andere Perspektiven zeigen, dafür auf die Straße geht und sich immer wieder selbst hinterfragt. Der Verantwortung übernimmt: in Beziehungen, in der Familie und bei der Erziehung. Und der über seine Gefühle sprechen kann.
In dem Lied hat Herbert Grönemeyer schon vor über 40 Jahren mit Rollenklischees gespielt. Der Mann soll stark, unersetzlich und unfehlbar sein und weint doch heimlich. Warum wirkt das Thema heute dennoch aktueller denn je?
Frauen und queere Menschen sind sichtbarer, selbstbestimmter und fordern mehr Gleichberechtigung ein. Wo sich gesellschaftlich etwas verändert, wächst oft auch der Widerstand dagegen. Manche Männer klammern sich deshalb umso stärker an traditionelle Rollenbilder. Das zeigt sich in sozialen Medien, bei Figuren wie dem ehemaligen Profi-Kickboxer Andrew Tate oder in rechten Parteien.
#MeToo hat diese Entwicklung zusätzlich sichtbar gemacht. Gleichzeitig wird heute offener über Gewalt gegen Frauen gesprochen und sie wird mehr angezeigt. Vieles davon ist nicht neu. Es wird heute nur endlich sichtbarer.
Männer wie Donald Trump, Björn Höcke und Andrew Tate inszenieren ihre Männlichkeit offensiv. Warum?
Sie bieten einfache Antworten auf komplexe gesellschaftliche Veränderungen und knüpfen an traditionelle Rollenbilder an. Das spricht vor allem junge Männer an, die nach Orientierung suchen oder sich durch den gesellschaftlichen Wandel verunsichert fühlen. Björn Höcke hat schon 2015 auf einer AfD-Kundgebung gesagt, wir müssten unsere Männlichkeit wiederentdecken und wieder wehrhaft werden. Andrew Tate verbreitet ein ähnliches Männerbild über soziale Medien. Donald Trump steht ebenfalls für Stärke, Dominanz und Härte. Aus meiner Sicht ist das aber oft Ausdruck einer fragilen Männlichkeit. Je lauter, machtorientierter und aggressiver jemand seine Männlichkeit inszenieren muss, desto zerbrechlicher ist sie häufig.
Warum fühlen sich manche Männer von Gleichberechtigung oder Veränderung bedroht?
Weil viele glauben, sie würden dadurch etwas verlieren. Tatsächlich geht es aber nicht darum, Männern etwas wegzunehmen. Im Gegenteil: Gleichberechtigung gibt auch ihnen mehr Freiheit. Sie müssen sich nicht mehr über Stärke, Dominanz oder beruflichen Erfolg definieren, sondern können ihren eigenen Weg gehen. Gleichzeitig erhalten Frauen mehr Möglichkeiten, ihren eigenen Lebensweg zu gestalten. Gleichberechtigung erweitert den Handlungsspielraum für alle.
Viele Männer sagen jetzt vielleicht: „Ich behandle Frauen respektvoll.“ Warum reicht das nicht?
Weil es nicht um einzelne Personen geht, sondern um gesellschaftliche Strukturen. Männer wachsen mit bestimmten Erwartungen auf. Sie sollen stark sein, keine Schwäche zeigen, sich durchsetzen und Kontrolle behalten. Diese Vorstellungen prägen viele von ihnen, ohne dass sie es überhaupt merken. Genau deshalb geht es in unserer Arbeit nicht darum, Einzelne an den Pranger zu stellen. Es geht darum, sichtbar zu machen, wie Männlichkeit gesellschaftlich hergestellt wird und welchen Einfluss sie auf unser Zusammenleben hat.
Sie sprechen von traditionellen Männlichkeitsbildern. Wann werden sie zum Problem?
Traditionelle Männlichkeitsbilder werden dann zum Problem, wenn Männer fast ausschließlich unter Männern bleiben. Fehlen andere Perspektiven, entstehen geschlossene Räume, in denen sexistische Einstellungen und starre Rollenbilder kaum hinterfragt werden. Privilegien erscheinen dann ganz selbstverständlich. Genau dort setzen wir an und machen diese Muster erst einmal sichtbar.
Wie bringen Sie Männer dazu, über solche Themen zu sprechen?
Ich halte Vorträge und gebe Workshops für ganz unterschiedliche Menschen: Bundeswehrsoldaten, Gleichstellungsbeauftragte, Mitarbeiter von Unternehmen, Schüler und Festivalbesucher. Manche kommen freiwillig, andere sind zunächst skeptisch. Deshalb steige ich nicht mit abstrakten Theorien ein. Ich frage zuerst, was die Menschen beschäftigt. Mit Schülern sprechen wir zum Beispiel über Dating, mit anderen über Fußball, Erziehung oder Popkultur. Daran knüpfe ich an und spreche anschließend darüber, welche Vorstellungen von Männlichkeit dahinterstecken.
Warum eignen sich ausgerechnet Fußball, Filme oder Serien für diese Gespräche?
Weil sich dort Männlichkeitsbilder besonders gut beobachten lassen. Viele Männer kennen sich mit Game of Thrones, Herr der Ringe, Superheldenfilmen oder Fußball bestens aus. Darüber kommt man leicht ins Gespräch. Dann stelle ich Fragen. Waren Sie schon einmal bei einem Frauenfußballspiel? Welche weiblichen Vorbilder kennen Sie? Oder ich lasse die Teilnehmer überlegen, wie Fußball aussehen würde, wenn Männer und Frauen, Menschen unterschiedlichen Alters oder mit Behinderungen gemeinsam spielen würden. Solche Gedankenexperimente bringen viele zum Nachdenken, weil sie zeigen, wie selbstverständlich unsere bisherigen Vorstellungen geworden sind. Wissenschaft muss verständlich sein und die Sprache der Menschen sprechen.
Woran merken Sie, dass sich bei einem Teilnehmer etwas verändert?
Das passiert oft schleichend. Manche sitzen am Anfang mit verschränkten Armen da und wollen erst einmal widersprechen. Später erzählen sie plötzlich von ihrer Kindheit, von ihrem Vater oder ihrer eigenen Beziehung. Viele sprechen zum ersten Mal überhaupt darüber. Dann merkt man, dass aus einer Abwehrhaltung Neugier geworden ist. Genau darum geht es. Nicht darum, jemanden zu belehren, sondern einen Raum zu schaffen, in dem Männer ihre eigenen Vorstellungen hinterfragen können.
Auch Frauen sitzen in Ihren Workshops. Wie erleben sie die Diskussionen?
Ganz unterschiedlich. Manche verteidigen traditionelle Rollenbilder, andere begrüßen es, dass Männer sich endlich mit dem Thema auseinandersetzen. Wenn Teilnehmerinnen ihre Erfahrungen teilen, eröffnet das vielen Männern einen neuen Blick auf die Lebensrealität von Frauen. Diese Perspektiven sind für viele besonders wertvoll.
Was raten Sie Frauen im Umgang mit Männern, die an traditionellen Rollenbildern festhalten?
Ich möchte Frauen keine Ratschläge geben. Dafür bin ich als Mann nicht der Richtige. Frauen kämpfen seit Jahrzehnten für Gleichberechtigung und wissen selbst am besten, was sie brauchen. Wir sind ein Institut für Männlichkeitsforschung. Unsere Aufgabe ist es, Männer dazu zu bringen, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen und Verantwortung zu übernehmen.
Was sollte jeder Mann morgen anders machen?
Das Schweigen unter Männern muss ein Ende haben. Wer erlebt, dass Frauen auf ihr Äußeres reduziert oder abwertend über sie gesprochen wird, sollte widersprechen oder nachfragen: „Warum redest du so über Frauen?“ Solche Gespräche sind oft unangenehm. Aber genau dort beginnt Veränderung.
Christoph May ist Literatur- und Kulturwissenschaftler und beschäftigt sich seit 2016 mit Kritischer Männlichkeitsforschung. Gemeinsam mit seiner Partnerin Marie Louise May gründete er das „Detox Masculinity Institute“. Bundesweit hält er Vorträge und Workshops zu Männlichkeitsbildern, Geschlechtergerechtigkeit und Kritischer Männlichkeitsforschung.

