
Wie radikalisieren sich junge Männer? Radio Bremen Zwei
Anja Goertz im Interview mit dem Männlichkeitsforscher Christoph May
Radio Bremen Zwei @bremenzwei
8:20 Uhr, Mittwoch 29. Juli 2026
Anja Goertz: Islamistischer Terror, rechtsextreme Gewalt, die Incel-Bewegung. Es gibt einige Beispiele, die man nennen kann, wenn man darauf guckt, wie junge Männer sich radikalisieren und vielleicht dann auch zu Tätern werden. Natürlich gilt, das wollen wir hier auch noch mal sagen, die allermeisten jungen Männer tun das nicht. Und es gibt natürlich auch Frauen, die sich radikalisieren lassen. Aber es stellt sich die Frage, woher kommt die Begeisterung für extreme Ideologien bei jungen Männern? Welche Rolle spielen da Identität, Männlichkeitsbilder der Gesellschaft oder vielleicht auch das Gefühl, keinen Platz zu finden in der Gesellschaft? Darüber möchte ich sprechen mit Christoph May vom Institut für Kritische Männlichkeitsforschung. Guten Morgen.
Christoph May: Guten Morgen.
Anja Goertz: Wenn wir mal auf die vergangenen Monate gucken, islamistische Anschläge, rechtsextreme Gewalt, auch die Incel-Szene. Es ist sehr auffällig, dass da häufig junge Männer zu Tätern werden. Was muss passiert sein im Leben eines jungen Erwachsenen, damit er anfällig wird?
Christoph May: Oh, das ist natürlich sehr komplex und das kann man so einfach nicht beantworten. Aber vielleicht fangen wir mit den Basics an, die wir auch immer den Männern in unseren Seminaren vermitteln, dass man den meisten Männern und Jungs klar machen muss: Hey, wir leben doch immer in einer extrem männlich dominierten Welt. Und wir sprechen ja von Männerbünden, männlichen Monokulturen, also vom Patriarchat. Und dazu gehören dann eben männliche Macht-, Gewalt-, Missbrauchskulturen und eben auch Radikalisierungskulturen, wenn Sie so wollen.
Und die bringen eben verschiedene Phänomene in die Gesellschaft, wie zum Beispiel alle Formen von Misogynie, also Frauenhass, Frauenfeindlichkeit, Femizide, Sexismus, Queerfeindlichkeit und vieles mehr. Alle Formen von Gewalt sind männlich dominiert. Unsere Gefängnisse sind überwiegend mit Männern belegt. Hass im Internet, digitale Gewalt, Deepfakes, kommt vor allem von Männern. Das geht in den Strukturen los, bis zu den konservativen und rechten Parteien in Deutschland. Der Männeranteil in der CDU/CSU liegt zum Beispiel bei 77 Prozent, in der AfD bei 88 Prozent. Also das sind extrem männlich dominierte Parteien, die mit Vorliebe von jungen Männern gewählt werden. Wir müssen hier über Faschismus und Männlichkeit sprechen, über rechte und konservative Männlichkeiten.
Anja Goertz: Diese jungen Männer, die sich zum Beispiel von sehr rechten Parteien angezogen fühlen, die vermitteln ja auch ein Bild, wie wir es von früheren Zeiten kennen. Also die Frau soll bitte wieder zu Hause sein, keine Karriere machen und so weiter. Inwiefern ist die Gesellschaft, also dieses Bild von Männlichkeit, dass man ein richtiger Mann ist, wenn man arbeiten geht, wenn man sich um die Frau kümmert, wenn man nicht zulässt, dass Frauen selbstständig agieren; welche Rolle spielt die Gesellschaft?
Christoph May: Oh, die Gesellschaft spielt die Hauptrolle, würde ich sagen. Also Erziehung ist natürlich auch sehr wichtig, Social Media und so weiter. Aber sobald sie ihre Kids in die Welt entlassen und ihnen Handys in die Hand drücken, suchen Jungs und Männer sich eben eigene Vorbilder und orientieren sich dann zunehmend an konservative und rechten Männlichkeiten. Nehmen Sie Trump, Putin, Merz. Nehmen Sie die Tate-Brüder, also antifeministische, traditionelle, zum Großteil reaktionäre Männlichkeiten, gewalttätige Männer im Internet, die ihre Macht missbrauchen.
Dann haben sie diese ganze Gym- und Fitness-Bro-Männlichkeiten, an denen sich viele Männer orientieren. Soldatische Männlichkeiten, wenn die Bundeswehr jetzt wieder Werbung dafür macht und fordert, dass wir alle wehrhaft werden müssen. Das geht ja auch in die falsche Richtung. Sie haben reiche Männer, Finanz-Bros, eine Riesen-Auswahl für Jungs und Männer. Und da stellen wir die ganz einfache Frage, warum haben die meisten Männer eigentlich keine weiblichen und queeren Vorbilder?
Anja Goertz: Nun gibt es viele andere Beispiele. Also wir kennen alle ganz tolle Männer, die trotzdem männlich sind, auch wenn sie nicht all das machen, was sie gerade geschildert haben. Und bevor jemand in so ein radikales Weltbild abrutscht, kommt ja einiges zusammen. Gibt es denn Warnsignale oder gibt es Dinge, auf die man als Elternteil, als Freund, als Lehrkraft achten kann?
Christoph May: Naja, ich würde immer die Frage stellen oder Männer daran messen, wie männerbündisch ihre Umgebung ist. Da steht zentral die Frage, wie männlich der Freund:innenkreis ist, der Kolleg:innenkreis und so weiter. Wie können wir männliche Monokulturen erkennen? Wie können wir das aufbrechen? Diese strukturelle Ebene ist super wichtig. Messen wir Männer daran, wie sie sich für weibliche und queere Menschen engagieren.
Das zweite Thema nennen wir Männerfantasien. Da geht es nicht um die Strukturen, sondern um Männerbilder. Also einfach darauf achten, was Männer konsumieren, wo die Jungs im Internet unterwegs sind. Das ist ja für viele Erwachsene oft ein Rätsel. Nehmen Sie Literatur, Serien, Filme und Musik, Twitch, Streaming und so weiter, Gaming. Wir müssen Männern aufzeigen, Jungs aufzeigen, in welcher kulturellen Armut sie aufwachsen und ihnen zeigen, was sie alles verpassen. Also die Frage ist, wie können wir diesen männlich dominierten Medienkonsum umstellen auf weibliche und queere Produktionen.
Und der dritte Themenkomplex: kritisch mit Jungs und Männern über Männlichkeit sprechen, Patriarchatskritik von der ersten Klasse an. Wir sollten mit Männern und Jungs so früh wie möglich über patriarchale Strukturen sprechen und über Gewalt gegen Frauen und queere Menschen. Damit sie wissen, in welches System sie hineinwachsen. Männer müssen sich selbstkritisch und feministisch verhalten.
Dieser kritische Diskurs über Männlichkeit hat ja ein enormes Tempo aufgenommen. Wir müssen mit Männern letztlich über die #Metoo-Debatte reden. Warum sprechen wir mit Männern und Jungs nicht über Gisèle Pelicot, über die Epstein-Files, über häusliche Gewalt? Solange ich Männer und Jungs nicht in relevanter Zahl über Femizide und Sexismus sprechen höre, wird sich das kaum lösen lassen. Dass Männer sich weiter raus schweigen und nicht am Diskurs teilnehmen, ist das größte Problem.
Anja Goertz: Christoph May sagt das, vom Institut für Kritische Männlichkeitsforschung. Und wir haben über das weite Feld gesprochen, warum radikalisieren sich junge Männer. Herzlichen Dank, Herr May.
Christoph May: Ich danke Ihnen.


