

Warum sterben so viele Männer bei Badeunfällen? „Sie denken gar nicht über mögliche Gefahren nach“ Der Tagesspiegel
82 Prozent der Badetoten 2025 waren Männer. Der Männerforscher Christoph May erklärt, wie Selbstüberschätzung, Gruppendruck und Körperkult Risiken erhöhen.
Von Hannes Soltau Der Tagesspiegel | Donnerstag 02. Juli 2026, 08:51 Uhr
Herr May, gemeinsam mit der Schriftstellerin Marie Louise May betreiben Sie das Institut für Kritische Männlichkeitsforschung. Allein am vergangenen Wochenende starben 26 Männer und Jungen in Deutschland bei Badeunfällen. Aber keine einzige Frau. Überrascht Sie das?
Keineswegs, solche Unfälle passieren jedes Jahr. Mit der beschleunigten Klimakatastrophe werden diese Zahlen in den kommenden Jahren sicherlich noch steigen.
Wie kommen Sie darauf?
Wir leben in einer männlich dominierten Gesellschaft, in der Hitzetote und Klimanotstand oft verharmlost und geleugnet werden. Wie die geschlechtsspezifische Lücke beim Klimaschutz, zeigt, gilt es vielfach als unmännlich, sich damit zu beschäftigen, geschweige denn, sich selbstkritisch mit den Ursachen zu befassen. Badeunfälle in heißen Sommern sind dann oft eine tragische Konsequenz toxischer Männlichkeiten.
Inwiefern spielen Selbstüberschätzung oder eine Inszenierung von Stärke dabei eine Rolle?
Stärke, Macht, Gewalt und Kontrolle sind noch immer extrem wirksame Männerfantasien. Der sogenannte männliche Körperpanzer ist bis heute das dominierende Bild in Serien, Filmen, in der Musik oder im Sport. Also gestählte Muskeln, starre Bewegungen, eine wortkarge Art. Superhelden zum Beispiel besitzen keine übermenschlichen Fähigkeiten, sondern übermännliche. Sie sind die pervertierte Form der hypermaskulinen Selbstüberschätzung.
Aber das allein kann doch nicht dazu führen, dass sich Männer beim Baden in Lebensgefahr begeben?
Mediale und gesellschaftliche Männerbilder prägen uns von der frühesten Kindheit an. Mit solchen Bildern im Kopf unterschätzen viele Männer beim Baden Strömungen oder die Entfernung zum Ufer. Sie nehmen das in Kauf oder denken erst gar nicht über mögliche Gefahren nach.
Was sagen die Todesfälleüber das Verhältnis von Männern zu ihrem Körper aus?
Viele Männer haben keine sehr ausdifferenzierte Gefühlssprache und damit oft kein realistisches Bild von ihren Fähigkeiten. Sie überfordern sich lieber, als auf sich zu achten. Gehen lieber ins Risiko, in die Mutprobe oder in den Kampf, als in die Vorsicht, ins Gespräch oder ins Mitgefühl. Das liegt aber auch daran, dass viele Männer ohne männliche Vorbilder aufgewachsen sind, die ihnen das hätten zeigen können.
Viele Unfälle passieren, wenn mehrere Männer zusammenkommen. Welche Rolle spielt der Gruppendruck?
Männliche Monokulturen sind nicht nur Gift für soziale Beziehungen, Diversität und kulturellen Reichtum – sondern können auch eine Gefahr für Männer selbst sein. Wenn sie unter sich bleiben, entwickeln sich oft toxische Dynamiken wie Übermut, überhöhte Risikobereitschaft, Alkoholmissbrauch oder Selbstüberschätzung (Wippermann: BMFSFJ 2024). Das betrifft unserer Erfahrung nach junge wie ältere Männerrunden im gleichen Maße.
Sie arbeiten auch zum Thema „männliches Schweigen“. Hängt das Ertrinken auch damit zusammen, dass Männer im Wasser zu spät Hilfe anfordern?
Das ist ein weiterer Aspekt des toxischen Männerbildes: Wenn Badende erschöpft sind, versuchen sich viele, aus eigener Kraft zu retten, statt um Hilfe zu rufen (Rebitschek: WDR, 25. Juni 2026). Das kennen wir auch aus Filmen und Serien: Die Male Saviour Trope, also der männliche Retter-Komplex, ist eine weit verbreitete Männerfantasie. Kein Universum und keine Frau da draussen, die nicht schon einmal ungefragt von einem Mann gerettet worden sind. Sich selbst zu retten allerdings, um Hilfe zu bitten, oder sich gar retten zu lassen, spielt hier oft keine große Rolle.
Wenn ein falsches Bild von Männlichkeit ein Risikofaktor bei solchen Unfällen ist: Wie müsste Aufklärung aussehen, damit sie Männer wirklich erreicht?
Kritikfähigkeit bei Männern ist ein riesiges Problem, der Katalog bewusster und unbewusster männlicher Abwehrstrategien enorm. Das Beste, was wir als Institut machen können, ist, über diese Abwehr ins Gespräch zu kommen. Wir arbeiten dazu in Workshops mit ausschließlich gemischten Runden und möglichst niedrigschwellig. Mit Bildern, Memes und Musik versuchen wir die Teilnehmer:innen dort abzuholen, wo sie sich am besten auskennen. Der Schwerpunkt unserer Arbeit aber liegt auf der Diskussion über die sexistischen und gewaltvollen Lebensrealität von Frauen und queeren Menschen. Den meisten Männern fällt es schwer, Begriffe wie Feminismus oder Patriarchat überhaupt in den Mund zu nehmen. Und auch Selbstfürsorge und Achtsamkeit sind für viele Männer leider noch immer Fremdwörter.


