Warum Christoph May ein Männerlimit fordert Rhein-Neckar-Zeitung

Überall dort, wo Männer unter sich sind, herrscht seiner Meinung nach kulturelle Armut, extreme Ungleichheit und Fantasielosigkeit.

Interview von Daniel Schottmüller, 26./27. Februar 2022 RNZ Magazin

Solange wir unseren Kids nur Eisprinzessinnen und Sternenkrieger zeigen, werden sie weiterhin Prinzessinnen und Krieger sein wollen“, ist Christoph May überzeugt. Als Männerforscher hat er es sich zur Aufgabe gemacht, für mehr Vielfalt und Gleichberechtigung einzutreten. Mays Strategie: seinen Geschlechtsgenossen klar machen, wie männlich geprägt unsere Gesellschaft ist und warum darunter nicht nur Frauen zu leiden haben. Im Interview mit der RNZ spricht der bekennende Feminist über unkreative Männerfantasien, Bürgermeister, die Thomas heißen, Hulk und Wonder Woman. Außerdem verrät May, wie Mann sich zum Positiven verändern kann.

Herr May, ganz plakativ gefragt: Haben wir Männer ein Problem?

Die meisten Männer, mit denen ich zu tun habe, glauben das nicht. Sie denken, dass es Gleichberechtigung gibt. Was sie übersehen, ist, dass wir Männer hochprivilegiert sind. Und es liegt im Wesen von Privilegien, dass sie für denjenigen, der sie genießt, unsichtbar sind. Deshalb würde ich nicht sagen, wir haben ein Problem – sondern: Wir sind das Problem. Unsere männlichen Monokulturen bilden das Fundament für Frauenhass und Frauenfeindlichkeit. Letztlich sind alle Formen von Gewalt männerdominiert: Faschismus, Rassismus, Hetze. Auch Verschwörungstheorien gehen mehrheitlich von Männern aus.

Was meinen Sie mit dem Begriff männliche Monokulturen?

Überall dort, wo Männer unter sich bleiben, haben wir es mit männlichen Monokulturen zu tun. Man könnte auch Männerbünde dazu sagen. Was sie hervorbringen, ist kulturelle Armut, extreme Ungleichheit und eine enorme Fantasielosigkeit in den Erzählungen.

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Welche männlichen Monokulturen müssten denn am dringendsten ausgerottet werden?

Die Katholische Kirche, FIFA und DFB, die Autoindustrie, Musikindustrie oder das Patriarchat am Theater. Die Lokalpolitik liegt genauso in männlicher Hand. 91 Prozent der Gemeinden und Städte in Deutschland werden von Männern geführt. Man muss sich das mal vor Augen führen: Wir haben mehr Bürgermeister, die Thomas heißen, als Bürgermeisterinnen. Auch 80 Prozent der deutschen Unternehmen verzichten noch komplett auf weibliches Führungspersonal. 95 Prozent der Regionalzeitungen haben männliche Chefredakteure.

Statt einer Frauenquote fordern Sie ein Männerlimit – warum diese Unterscheidung?

Weil ich in meinen Seminaren die Erfahrung mache, dass Männer sich überhaupt nicht angesprochen fühlen, wenn man von einer Frauenquote spricht. Die meisten denken: „Was hat das mit mir zu tun?“ Gleichstellungsbeauftragte – meist sind das Frauen – berichten regelmäßig, dass Männer gar nicht erst kommen, wenn auf den Veranstaltungsflyern Schlagworte wie Feminismus, Gleichberechtigung oder Frauenrechte auftauchen. Ich versuche deshalb, die Begrifflichkeit umzudrehen und Männer direkt anzusprechen. Damit will ich deutlich machen: Wir sind übermächtig! Und es kann nicht die Aufgabe von Frauen, inter, trans und nichtbinären Personen sein, Männerbünde aufzubrechen. Das ist unsere Aufgabe.

Sie beschreiben Ignoranz auf Männerseite. Glauben Sie, dass Männer frauenfeindlich handeln können, ohne das überhaupt zu merken?

Der Männerforscher Rolf Pohl schreibt in seinem Buch „Feindbild Frau“, dass die Abwertung der Frau fest zur männlichen Identität gehört. Im Grunde ist alles, was wir Männer hervorbringen, ohne die Abwertung von Frauen nicht vorstellbar. Nach 6000 Jahren Patriarchat haben sich Hunderte Arten von Frauenhass entwickelt, von subtil bis extrem, die wir alle bewusst und unbewusst reproduzieren. Dabei muss es nicht immer gleich um Gewalt oder sexuelle Übergriffe gehen. Schon Hinterhergucken, Sprüche klopfen oder Hinterherlaufen ist frauenfeindliches Verhalten. Das Gleiche gilt für das Verniedlichen von Frauen oder diesen Beschützermodus, den Männer gerne einnehmen. Es ist eine Lebensaufgabe, solche Muster abzulegen – auch für mich.

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Was kann ich als Mann denn konkret in meinem Alltag tun, um für mehr Gleichberechtigung zu sorgen?

Umgib dich nicht nur mit anderen Männern, sondern stelle dich so divers wie möglich auf. Schon wenn wir ausschließlich mit männlichen Kumpel in die Kneipe gehen, reproduzieren wir männerbündisches Verhalten. Denn Männerbünde können per Definition keine Diversität hervorbringen. Genauso wichtig ist es, den eigenen Medienkonsum zu ändern. Ich bitte die Teilnehmer in meinen Seminaren immer gerne, mir auf ihren Smartphones zu zeigen, welche Lieder und Videos sie sich im vergangenen Jahr angehört und angesehen haben. Meistens poppen ausschließlich von Männern produzierte Inhalte auf. Also, warum nicht die nächsten Jahre nur noch Musik, Serien, Filme und Bücher konsumieren, die von Frauen, inter, trans und nichtbinären Personen geschrieben wurden? Ich kann garantieren: Das ist eine Perspektiverweiterung, die du nicht mehr missen willst. Danach merkst du erst, wie unterfordert du vorher warst. Und wie arm die Geschichten sind, die wir Männer uns wieder und wieder erzählen.

Welche Geschichten sind das?

Das dominante Körperbild in diesen Geschichten ist der Körperpanzer – so wie bei Hulk. Immer wieder haben wir es mit Supermännern zu tun, mit Sixpacks und übermännlichen Fähigkeiten. Noch trauriger ist: Wir Männer wachsen nicht mit Vorbildern auf, die uns zeigen, wie man Konflikte im Gespräch löst, was ja viel spannendere Drehbücher hervorbringen würde. Stattdessen sehen wir Männer, die sofort in den Konflikt gehen und gewalttätig werden. Wir sind das so gewohnt, dass wir uns eine Film- oder Serienwelt, in der Männer nicht miteinander kämpfen, kaum vorstellen können. Die dominanteste aller Erzählungen, die uns von klein auf prägt, ist aber die vom abwesenden Vater. Egal ob Herkules, Jesus oder Luke Skywalker: Wir haben es immer mit Protagonisten zu tun, die sich auf den Weg machen, um mit ihren strafenden Vätern in Kontakt zu treten. Auf dem Weg müssen sie Aufgaben erfüllen und werden dabei ein Stück weit wie ihre Väter. Wenn diese dann endlich erreicht sind, findet aber kein Austausch statt. Stattdessen herrscht Sprachlosigkeit. In dem Augenblick, wo Väter die Möglichkeit hätten, in die Erziehungsarbeit zu gehen und ihre Söhne kennenzulernen, sterben sie oder verschwinden wieder, um irgendwelche Welten zu retten.

Und wie sehen die Beziehungen zwischen Frauen und Männern aus, die in Filmen und Serien gezeigt werden?

Frauen werden meist sexualisiert. Sie müssen von Männern erobert, gerettet oder beschützt werden, weil ihnen keine Machtposition zugestanden wird. Nun könnte man sagen: Es gibt doch zunehmend mehr selbstbewusste und starke Frauen in der Popkultur. Wonder Woman oder Daenerys Taragaryen aus „Game of Thrones“ zum Beispiel. Beide wurden aber von Männern geschaffen. Wonder Woman ist die Sexfetisch-Figur von William Moulton Marston, der seine eigene Frau geschlagen hat. Und die Drachen-reitende Daenerys ist natürlich auch nur eine weitere Männerfantasie.

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Wann ist Ihnen denn selbst aufgefallen, wie problematisch diese Erzählmuster sind?

Das hat gedauert. Ich war mal ein großer Popliteratur-Fan und habe sehr gerne Bücher von David Foster Wallace, Christian Kracht oder Benjamin von Stuckrad-Barre gelesen. Auch „Star Wars“, „Game of Thrones“ oder die Superhelden-Geschichten von Marvel und DC hab ich mir reingezogen. Irgendwann hab ich dann aber doch gespürt, dass ich mich krass unterfordert fühle. Ich dachte mir, es muss doch bessere Geschichten geben. Dass bestimmte Perspektiven regelmäßig zu kurz kommen, ist dann über Bücher wie „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit in mein Bewusstsein gesickert. Und über Tausende von Gesprächen mit meiner Partnerin Stephanie, mit der ich später das Institut für Kritische Männerforschung gegründet habe. Im Nachhinein muss ich sagen: Es darf in Beziehungen eigentlich nicht die Aufgabe von Frauen sein, Männer durch die komplette Emotionsschule zu schicken. Aber natürlich bin ich ihr superdankbar. Ohne sie und ohne feministische Lektüre wäre ich nicht der, der ich heute bin. Trotzdem stehe ich erst am Anfang. Ich lerne weiter, wie man als Mann profeministisch handeln kann. Mein Ziel ist es, noch mehr Männern Lust darauf zu machen, neue Perspektiven kennenzulernen. Ich bin überzeugt, wir können dadurch nur gewinnen.

Es scheint ja – zumindest im Internet – tatsächlich eine wachsende Zahl von Gruppen zu geben, die das Thema Männlichkeit aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Macht Ihnen das Mut für die Zukunft?

Prognosen sagen, dass es noch 120 Jahre dauern wird, bis wir in Deutschland faktische Gleichstellung erreicht haben. Und das auch nur, falls es keinen reaktionären Backlash von traditionellen Männlichkeiten gibt. Denn auch Gruppen, die für das Patriarchat mobil machen, schießen ja wieder überall aus dem Boden. Wenn man sich im Netz nach Incel- und Pick-Up-Artist-Foren umsieht, ist es erschreckend, was man alles findet. Coaches, die mit Männern in den Wald gehen, Schwitzgruppen bilden, Bäume umarmen und ihre Gefühle rausbrüllen – die mythopoetische Männerbewegung erfährt gerade eine Renaissance. In diesen Gruppen geht es erst mal darum, dass Männer über ihre Gefühle sprechen – was man ja durchaus positiv finden kann. Erst im zweiten Schritt merkt man, wie antifeministisch das alles ist. Ich würde Männergruppen deshalb immer daran messen, wie sie über Frauen sprechen. Dürfen Frauen überhaupt teilnehmen? Wird tiefergehende Strukturkritik geübt? Falls nicht, bestärken sich die Männerbünde nur selbst. Und Männerbünde sind Gift für Diversität und kulturellen Reichtum.

ZUR PERSON

Christoph May ist in der DDR aufgewachsen, er hat Literaturwissenschaften studiert und lebt heute im Pfälzer Wald. Von dort aus geht er seiner Arbeit als Männerforscher, Berater und Dozent nach. Zusammen mit der Schriftstellerin Stephanie May leitet er das Institut für Kritische Männerforschung.

Die Idee: In seinen Seminaren fordert der 41-Jährige Männer dazu auf, ihre Privilegien zu hinterfragen, um so die Gleichberechtigung von Frauen zu beschleunigen.

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